Nicole Majer
Der pure Form Ausdruck von Gefühlen prägten die Arbeiten der Hamburger Künstlerin Nicole Majer: Porträtzeichnungen und Gemälde, die sich mit der Komplexität der menschlichen Emotionen und ihrer Facetten befassen.
Nicole Majer schaut in Abgründe. Dringt unter die Oberfläche. Sie glaubt an die Wichtigkeit der thematischen Erforschung des inneren Empfindens und die Auseinandersetzung und Verarbeitung der jeweiligen persönlichen Wahrnehmung, erzeugt durch Erfahrungen in bestimmten Situationen: Trennung, Schmerz, Angst, Überforderung. In einer Umbruchsphase in ihrem Leben hat die Künstlerin selbst erlebt, wie einem alles zu entgleiten scheint. Wie Wahrheit und Vertrauen sich als Lüge und Enttäuschung herausstellen. Die Folgen: Ärger, tiefe Trauer, Leere, das „Sich-verstecken-Wollen“ oder auch Stärke, Wut und Entschlossenheit.
Nicole Majer, 1989 in Hamburg geboren, hat jedes einzelne dieser Gefühle sowohl zeichnerisch als auch malerisch festgehalten. Schmerz, oft der Eigene, ist einer der größten Triebfedern für künstlerischen Ausdruck. Wo die Psyche ächzt, kann Kunst befreien. Aus Schmerz wird Schönheit, eine Schönheit, die tief in einen eindringt und berührt. Weil sie das Verborgene sichtbar macht.
NicoleMajers künstlerischer Ausdruck steht auf mehreren Säulen. Dabei bedient sich die Künstlerin unterschiedlicher Materialien und Techniken. Sie experimentiert viel und schafft sowohl naturrealistische, traumartige Menschenbilder als auch abstrakte Farbverläufe mit Strukturelementen. Da sind ihre Zeichnungen, kleinformatig, einfarbig, früher meist mit dem Stift zu Papier gebracht, klare Linien, heute verwischter, mit Kohle angefertigt. Facemorphs, holprig übersetzt mit Gesichtsmetamorphosen, Face Morphing bezeichnet das Überlagern und Überblenden oder Ineinander fügen mehrerer Gesichter derselbern oder verschiedener Personen, sodass ein ganz neues Bild entsteht, was mehr ist, als die Summe seiner Teile.
Vor allem hier beschäftigt sich Nicole mit der menschlichen Gefühlswelt, der Erforschung des inneren Empfindens, des Ausdrucks schmerzhafter Gefühle, traumatischer Erinnerungen, psychischer Krankheitsbilder, die entstehen, wenn die Seele es nicht schafft, das Erlebte auf eine gesunde Art und Weise zu verarbeiten. Sie kehrt dabei das Innerste ihrer Figuren nach außen.
Niemand könnte die Kunst von Nicole Majer kompetenter beschreiben, als Nicole Majer selbst. Die Künstlerin sagt: “Meine Arbeit dreht sich um die menschliche Form, Emotionen und Transformation, ich fange Fragmente der Identität ein und forme sie in etwas Neues um. Kunst ist mehr als nur eine visuelle Erfahrung – sie ist ein Dialog, eine Erkundung und eine Möglichkeit, auf einer tieferen Ebene eine Verbindung herzustellen. “
Es darf dabei offen bleiben, ob es sich bei den Facemorphs um Facetten, unterschiedliche Gefühls- und Aggregatzustände ein und derselben Person handelt, oder um mehrere Personen, deren Gesichter hier miteinander verschmelzen in Interaktion. Jedes Zeichnung erzählt eine Geschichte, da gibt es keine Vorgaben der Künstlerin, sondern viel Raum für Interpretation im Auge der Betrachterin, des Betrachters, eine eigene Geschichte mit den Zeichnungen zu verbinden.
Die Künstlerin schreibt: “Mich faszinieren Kontraste – das Gleichgewicht zwischen Struktur und Abstraktion, dem Bekannten und dem Unbekannten. Mein Prozess ist sowohl eine Befreiung als auch eine Herausforderung: Die Beherrschung traditioneller Techniken ermöglicht es mir, sie bewusst zu dekonstruieren und neu zu interpretieren. Ich möchte, dass meine Kunst Emotionen hervorruft, Gedanken anregt und Perspektiven herausfordert.”
Das gelingt ihr auch in ihren großflächigen, farbintensiven Acryl-Gemälden. Gesichter und miteinander verschmelzende Körper, naturalistisch und - hier kein Gegensatz -expressionisch zugleich. Das gilt vor allem die Körperwelten, die Nicole aufblättert. Neben Gesichtern, hat sich Nicole Majer schon immer für Hände interessiert, die sie oft als Schutzschild konstruiert hat, Teile des Gesichts, gern auch die Augenpartie zu verdecken - dieses nicht sehen und im eigenen Schmerz nicht gesehen werden wollen zu konstruieren.
Dabei weitet sie die Darstellung der menschlichen Form auf den menschlichen Körper aus, schafft hier ebenfalls Metamorphosen, oft seltsam verdreht, ringend mit sich oder miteinander, hautnah, ästhetisch, geheimnisvoll und immer mit ungeheurer Körper-Spannung. Auch dort viel Raum für Interpretationen.
Viele von Nicole Majers früheren Werken, gerade auch ihre gemalten Portraits, waren sehr düster, von beeindruckender Wucht. Ihre aktuelle Werke kommen subtiler und oft auch freundlicher daher, lassen dem Betrachter, der Betrachterin mehr Raum für eigene Empfindungen, aber auch für die Geschichte, die jedes einzelne Werk erzählen könnte, deuten mehr an, als auszubuchstabieren. Aber sie sind auch durch eine andere Farbgebung wärmer und im Ausdruck weniger im Leid gefangen.Damit macht Nicole Mayer in ihrer Arbeit eine neue Welt auf.
Nicole Majer hat Mode an der AMD Akademie für Mode und Design in Hamburg studiert. Als Künstlerin ist sie seit 2015 professionell tätigt. Ihre Arbeiten wurden national wie international gezeigt.