Anna C. Becker

 

Bei der  Künstlerin Anna c. Becker sind Werk und Biografie noch enger verbunden, als bei anderen Kunstschaffenden, ihre Bilder und Skulpturen ohne das Wissen um ihre Geschichte nicht zu verstehen. 2010 teilte ein schwerer Schlaganfall Anna C. Beckers Leben in zwei Teile: In ihr „Leben davor“ und ihr „Leben danach“, in eine gesunde und eine betroffene Hirnhälfte, in eine gesunde und in eine gelähmte Körperseite. 

In dem Leben davor war Anna C. Becker eine außergewöhnlich talentierte und erfolgreiche Grafik-Designerin und beachtete Künstlerin. Wir sehen hier,hinter dem Tresen zwei Selbstportraits aus dieser Lebensphase. Nach ihrem Schlaganfall beginnt Anna in den ersten mühsamen Klinikwochen, halbseitengelähmt und durch die Aphasie ganz ohne Sprache, ihre innere Spaltung mit Hilfe von Schwarz-Weiß-Zeichnungen auszudrücken, die sie mit der linken Hand – Becker ist Rechtshänderin - anfertigt. 

"Sprachverlust, das ist nicht weniger als Weltverlust." schrieb Siegfried Lenz in seinem vor 45 Jahren erschienen Roman „Der Verlust“, dessen Protagonist Ulrich Martens, ebenfalls an Aphasie leidet und sich auf die Suche nach den für ihn unaussprechbaren Wörtern begibt, die zwar in seinen Gedanken leben, aber den Weg zum Mund nicht finden. Langsam – ein Prozeß, der auch heute noch andauert - findet Anna Ihre Sprache wieder, voller Elan aber auch voller Ungeduld, wenn die Gedanken keine Sprache finden. 

Mit unglaublicher Disziplin und Energie reaktiviert Anna C. Becker ihre Kreativität und eroberte sich in der Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, so persönlich und doch auch stellvertretend für das Erleben aller „Überlebenden“ eines Schlaganfall. Die körperliche Einschränkung zu akzeptieren, die Grenzen aber immer mehr auszuweiten und Stück für Stück verschieben, wird Annas Programm als Mensch und als Künstlerin. 

Sie entwickelt eine außergewöhnliche, sehr eigene Symbolsprache, die präziser, anschaulicher und berührender ist, als es Worte je sein können. Mut fassend, immer wieder auf ein Neues sich künstlerisch aus ihren Einschränkungen heraus kämpfend, findet Anna C. Becker ihre ganz eigene künstlerische Ausdrucksweise und entwickelt sie beständig weiter. 

Beckers Schaffen kreist thematisch um ihr erlittenes Schicksal: die Einschränkung ihres Sprachvermögens, ihrer Mobilität, ihrer Motorik und den erwähnten Dualismen ihrer Existenz.Annas ästhetische Möglichkeiten wachsen zeitgleich mit ihrem Mut zur intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal und kreieren so einen Kosmos gestalterischer Möglichkeiten, die dem Betrachter einerseits einen tiefen Einblick in die Erfahrungswelt einer Schlaganfallpatientin gewähren und zugleich die aktive Auseinandersetzung mit der Krankheit eröffnen: Die Überwindung der aufgezwungenen Sprachlosigkeit mit den Mitteln des künstlerischen Ausdrucks. 

Das Leben bleibt ein Kampf, schönen Augenblicken folgen Schicksalsschläge, diesen folgen wieder erfüllende Momente. Den Schwerpunkt von Beckers jüngsten Arbeiten bilden großformatige Motive – gold, weiß, schwarz oder auch mal rot als Hintergrund, die Rüstung als Panzer, sichtbarer Ausdruck eines Schutzbedürfnisses, einer Künstlerin, die früh die Verletzbarkeit der menschlichen Existenz am eigenen Körper, an eigener Seele so schmerzhaft zu spüren bekommen hat.  

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